Gießener Anzeiger vom 30.06.2026
Harfenistin Silke Aichhorn begeistert mit Solo-Konzert in der Basilika
von Heiner Schultz
Die Harfenistin Silke Aichhorn hat am Sonntag das Finale der Basilikakonzerte auf dem Schiffenberg bestritten. Für eine Zugabe spielte sie ein schottisches Volkslied.
Gießen – Mit einem herausragenden Konzert der Harfenistin Silke Aichhorn endete am Sonntag die Reihe der Basilikakonzerte auf dem Schiffenberg. Ihr anspruchsvolles und interessantes Programm rundete sich mit ihrer humorvollen Moderation zu einem Riesenvergnügen, das auch anspruchsvollen Besuchern zu großem Wohlbehagen verhalf. Der Beifall war schließlich massiv.
Das Programm begann mit dem fröhlichen musikalischen Gruß „Good morning“ von Şirin Pancaroğlu. Das kam etwas lautenartig und mit einem sanften Schwung, dabei aber schon fast hurtig und eindeutig tanzbar daher; ein Stimmungsaufheller, falls einer nötig war. Schon hier ließ die Harfenistin, Jahrgang 1974, diverse Klangfarben aufscheinen. Wie hatte sie anfangs gesagt: „Wenn Sie Konzerte besuchen, tun Sie nachweislich ihrem Immunsystem etwas Gutes.“ An diesem Morgen fühlten sich alle Besucher bald ganz erheblich besser als zuvor.
Georg Friedrich Händels „Einzug der Königin von Saba“ leitete dann zum klassischen Teil über, nachdem die Solistin in ihrer Moderation noch ein wenig über die Eigenheiten der Harfe geplaudert hatte: „Die hält nicht allzu lange, dann braucht man eine neue.“ Und das bei Kosten von rund 40.000 Euro pro Instrument. Den royalen Einzug präsentierte Aichhorn dann differenziert und leicht.
Mikhail Glinkas (1804–1857) Variationen über ein Thema von Mozart musizierte sie hochdifferenziert und mit sanfter Emotionalität. Faszinierend war die perfekte Mehrstimmigkeit, ein Glanzlicht. Ebenso angenehm präsentierte die im bayerischen Traunstein lebende Musikerin Ausschnitte aus Bedřich Smetanas „Moldau“. Hier war eine Fülle von Stimmen wahrzunehmen, ein lebhaftes Geschehen. Im Intro gab es ein Plätschern um die Melodie, dazu kam ein narrativerer Duktus – feinste delikate Klangzutaten. Die schön gestaltete Dramaturgie sorgte für zusätzliche Spannung, schließlich waren sogar die Stromschnellen zu hören: Musik mit bildhafter Anmutung: superb.
Weiter ging es mit Karl Jenkins’ „Ave Verum“, für Aichhorn „ganz was Ruhiges“. Noch ein Glanzlicht erlebte man mit „The Cry of the Flamingos” von der Harfenistin Şirin Pancaroğlu, „ein berühmtes Lied aus der Türkei“. Das abwechslungsreiche Werk klang zugewandt und erzählerisch angenehm. Mit virtuoser Dynamik und enormer Feinzeichnung gestaltete Aichhorn auch Gabriel Piernés „Impromptu Caprice op. 9“.
Das Hauptvergnügen war jedoch Uno Vesjes „Life is flashing”. Laut Aichhorn ist es „zeitgenössische Musik, aber sie tut gar nicht weh“. Für dieses Werk des 1989 geborenen Komponisten nutzte sie eine Lautsprecherbox, um originelle Elemente synchron einzuspielen, ähnlich wie ein Playback. Es entstand ein großes Klanggebilde, wobei sich die Zutaten mit Aichhorns Spiel vollkommen vermischten. Witzig war die Stimme einer Amsel, die man zunächst in der Basilika vermutete. Die mischte sich dann noch öfter in die Musik ein. Insgesamt besinnlich und mit einem formidablen Abschluss, ganz, ganz leise.
Mit einem bluesigen Start und Erinnerungen an die „West Side Story“ versehen, machte Aichhorn mit Robert Maxwells „Harping on a harp“ noch mal ein ganz anderes Kapitel auf und mischte noch etwas Ragtime dazu. Enormen Beifall gab es schließlich für das herausragende Konzert einer kompetenten, witzigen und hochsympathischen Musikerin.
Als Zugabe spielte sie „Sands of Hosta“ von Ailie Robertson, ein schottisches Volkslied: schön und ein bisschen melancholisch.
Gießener Allgemeine vom 29.06.2026
Virtuoses und feines Harfenspiel
Silke Aichhorn spielt zum Ausklang der Basilika-Konzerte auf dem Schiffenberg – Publikum ist begeistert
Wenn es ein verbindendes Element zwischen den Basilika-Konzerten in dieser Saison gibt, dann wohl vor allem, dass sie mitunter Wohlbekanntes in reizvollen Arrangements boten. Der Auftritt der renommierten Harfenistin Silke Aichhorn bildete da zum Abschluss der Reihe auf dem Schiffenberg keine Ausnahme. So wird „Die Moldau“ aus Bedřich Smetanas 1874 bis 1879 komponiertem Zyklus sinfonischer Dichtungen „Mein Vaterland“ den meisten Hörern vertraut gewesen. Die Stärke der Bearbeitung von Hanuš Trneček lag nun gerade darin, dass sie dem Orchester-Original an Farbigkeit und atmosphärischer Intensität nicht nachstand. Silke Aichhorn sorgte für klare Staffelung zwischen Melodie- und Begleitstimmen und beflügelte in ihrer hochkarätigen Interpretation landschaftliche Assoziationen.
Die Matinee hatte bereits vielversprechend begonnen mit Sirin Pancaroğlus unbeschwertem Gute-Laune-Stück „Good Morning“. Schon hier bestach die Virtuosität und feine Gestaltung der Harfenistin. Dieser Eindruck festigte sich im „Einzug der Königin von Saba“ aus Georg Friedrich Händels Oratorium „Salomon“, derart klanglich apart und detailverliebt meisterte Aichhorn den Satz. Ebenso inspiriert widmete sie sich weniger geläufigen Kompositionen. Dazu zählte der dritte Satz „Imitazione del Liuto“ aus der ursprünglich für Violine und Basso continuo geschriebenen Sonate Nr. 2 (1694) des Barockkomponisten Johann Paul Westhoff: Agogisch noch beweglicher und feinfühliger gespielt konnte man sich das kaum vorstellen.
So nuanciert und lebendig bot Aichhorn alle Stücke, darunter Mikhail Glinkas „Variationen über ein Thema von Mozart“, die mal Beschaulichkeit, dann spielerischen Charme verströmten. Zu kritisieren ist einzig, in welchem Maße sie Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack machte. So muteten Karl Jenkins' „Ave verum“ und Pancaroğlus „The Cry of the Flamingos“ ein wenig trivial an und boten eher leichte Unterhaltung. Als kompositorisch wesentlich gehaltvoller erwies sich Gabriel Piernés „Impromptu Caprice“ op. 9, ein Stück, das Aichhorn schon seit Studienzeiten begleitet.
Dass sich künstlerischer Anspruch und Unterhaltsamkeit nicht ausschließen müssen, bewies überdies „Life is flashing before my eyes and I realize that it all started with a blackbird“ von Uno Vesje für Harfe und Soundtrack. Mit diesem Werk gewann der Norweger 2018 in den USA einen internationalen Kompositionswettbewerb. Ziel dieses Wettstreits ist es, das Repertoire für die Harfe zu erweitern. Zugespielte Amselstimmen regten in dem Stück die Fantasie an. Vesje spürt hier der Frage nach, was ein gefangener Vogel empfinden könnte.
Einen jazzigen Ausklang des gelungenen Konzerts markierte „Harping on a harp“ des Amerikaners Robert Maxwell. Das begeisterte Publikum erklatschte sich eine schottische Volksweise als Zugabe.
Sascha Jouini