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Gießener Allgemeine vom 10.7.2022

Mal poetisch-ruhig, dann quirlig

von Sascha Jouini

Gießen (jou). Das Duo Anna-Lena Perenthaler (Cello) und André Dolabella (E-Piano) bot am Sonntag auf dem Schiffenberg ein unterhaltsames Basilika-Konzert rund um die weltfremde, zuweilen mürrische, gleichwohl sympathische stumme Bühnenfigur Pierrot. Perenthaler bereicherte das Programm durch kleine Schauspieleinlagen.

Anna-Lena Perenthaler (Cello) und André Dolabella (E-Piano) spielten in der Schiffenberg-Basilika. © Sascha Jouini

Aufhorchen ließ die Cellistin zu Beginn mit ihrer expressiven Spielweise und bis in flirrende Höhen klaren Tongebung in »O Trenzinho do Caipira« aus Heitor Villa-Lobos‹ »Bachianas Brasileiras«. Etwas blass blieb demgegenüber der Klavierpart: Das wohl aus Kostengründen zum Einsatz gekommene E-Piano erwies sich als klanglich nur mäßig differenzierungsfähig und wurde kaum dem künstlerischen Anspruch des Pianisten wie des Meisterkonzertvereins gerecht.

Der außerordentlichen Musikalität des vor über zwei Jahren gegründeten Duos war es zu verdanken, dass es dennoch ein hörenswertes Konzert wurde. So gerieten das melodisch bezaubernde Lied »Pierrot« oder der atmosphärisch aufgeladene »Prolog« aus Claude Debussys Sonate d-Moll zur Wohltat fürs Gemüt. Von ansteckender Fröhlichkeit war der Allegro-Kopfsatz der 1940 skizzierten und 1948 vollendeten Sonate von Francis Poulenc.

Durchweg horchte das Duo genau aufeinander, so auch in Camargo Guarnieris »Ponteio« - die fantasievolle Interpretation kam einem poetischen Stimmungsbild gleich. Zurück in vitale Ausdruckswelten führte Guarnieris muntere »Danza« - da konnte man sich eine ausgelassene Feier vor Augen malen. Emotional besonders nahe ging der schwärmerische Ton bei Poulencs ohrwurmhaften Lied »Les chemins de l’amour«. Insgesamt beflügelten programmatische Überschriften das Vorstellungsvermögen, sie suggerierten, wie Pierrot sich verliebt und betrinkt oder durch die Gassen torkelt und versucht, Melusine am Balkon zu erreichen.

In Charles Trenets Chanson »Au clair de la lune« demonstrierte Perenthaler in Begleitung des Pianisten nicht nur gesangliches Talent, sondern gefiel zudem mit ihrer charmanten wie lockeren Ausstrahlung. Auch im weiteren Verlauf beeindruckte die Musizierfreude des Duos. Mal ergab sich ein reizvoller Kontrast zwischen trockenen Cello-Pizzikati und Klavier-Stakkati sowie Legato-Abschnitten, dann rissen quirlige Passagen mit. Solistische Akzente setzte Dolabella in Eric Saties »Gnossienne« Nr. 1 und Maurice Ravels »Pavane pour une infante défunte«, zwei poetisch-ruhigen Stücken. Eine große Ausdrucksbandbreite zwischen innerlichen Momenten und beschwingten bis kraftvollen Episoden konnte das Duo zum Schluss in den letzten drei Sätzen der Poulenc-Sonate unter Beweis stellen. Das sichtlich begeisterte Publikum würde gewiss deutlich zahlreicher ausfallen, wenn es künftig wieder einen Bus im Sonderverkehr zu den Basilika-Konzerten gäbe.

 


 

Gießener Anzeiger

11.07.2022

Von Heiner Schultz

GIESSEN. Ein exquisites Musikvergnügen erlebten die Besuch des Basilikakonzerts am Sonntag auf dem Schiffenberg. Die Cellistin Anna-Lena Perenthaler und der Pianist André Dolabella spielten unter dem Titel „Pierrot“ ein Programm mit Werken von Villa-Lobos, Debussy, Poulenc und Guarnieri. Sehr hohes handwerkliches und expressives Niveau sorgten für ein außergewöhnliches Konzert.

Es war eine Entdeckung der Leidenschaft. Mit einem Wermutstropfen. Für Dolabella stand kein Flügel oder Klavier bereit, sondern er musste auf einem elektronischen Piano musizieren, was erhebliche klangliche Einbußen zur Folge hatte.

Zunächst jedoch machte Cellistin Perenthaler einen herausragenden Eindruck. Ihr bildschöner, enorm ausdrucksstarker Ton nahm die Zuhörer sofort restlos gefangen. Hinzu kam noch ihre offenkundige sehr gute Disposition.

Los ging es mit Heitor Villa-Lobos „Trenzinho do Caipiria“ und einer zugähnlichen Klavier-Anmutung. Ungewöhnlich: dieser Zug kam im Boogie-Woogie-Rhythmus daher gerollt, das hatte man nicht erwartet. Es blieb
nicht die einzige Überraschung dieses Morgens. Das Cello übernahm mit schnellen Läufen den Zugbetrieb und brachte den ganzen Saal in Schwung. Mit einem Topabschluss war die Stimmung gesichert.

Perenthaler hatte sich ein paar szenische Elemente zurechtgelegt, mit denen sie das Programm immer wieder ergänzte und aufwertete. Das folgende Lied „Pierrot“ von Claude Debussy leitete sie mit gepfiffenen Reverenzen an Bechets „Au claire de la lune“ ein, dessen Motiv im Titel enthalten ist. Das Cello setzte diesmal dramatische Akzente und nahm mit weiterhin souverän kantablem Klang für sich ein. Es gab ein lebhaftes Interagieren zwischen den Stimmen und ein wunderbar nachdenkliche Phase.

Das erste Glanzlicht war (unter der Überschrift „Pierrot und der Mond“) das Allegro aus Debussys Sonate für Cello und Klavier in d-Moll (1915). Spielfreudig eröffnet am Cello, folgten attraktive Wechselspiele in einem
fröhlichen Rhythmus. Vorzüglich gesetzte Akzente, ebenso realisierte dramatische Kontraste, gefolgt von einem witzigen Schlusspunkt: das war großartig; riesiger Beifall des inzwischen bereits enthusiasmierten
Publikums.

Perenthaler verströmte reichlich Energie, musizierte leidenschaftlich und auf untadeligem höchsten Niveau, vor allem jedoch mit mitreißender Schönheit des Ausdrucks.

Es gab auch konzentrierte, reflexive Momente, etwa mit der Sonate für Cello und Klavier FP143 (Allegro) von Francis Poulenc.

Perenthaler setzte verschiedene szenische Akzente, stellte etwa ein Glas mit einem Blümchen auf die Bühne oder sang in einem Titel einfach, was Charles Trenets (1913-2001) „Au claire de la lune“ zu etwas ganz Besonderem machte. Zumal sie dabei auch eine Trinkszene in der Kneipe nachspielte – alles ganz natürlich, und später mit besonders fragilen musikalischen Momenten und einer formidablen dramatischen Steigerung. Auch hier agierte sie zuweilen traumhaft sicher ganz leise, direkt am Abriss des Tons.

Inzwischen stellte sich Dolabella akustisch als adäquater Begleiter heraus, nur behindert vom inferioren Klang der Lautsprecher, der allerdings das gesamte Ereignis in eine Schieflage versetzte. 

Durch die auch im Heft notierten und eingesprochenen Zwischenüberschriften zu den einzelnen Titeln und Perenthalers Aktionen gewann das Konzert einen natürlichen, ganz stimmigen  theatralischen Charakter.

Zum Abschluss mit den Sätzen 2-4 aus Poulencs Sonate für Cello und Klavier mit wunderbarer Dynamikdifferenzierung zeigte das Duo noch einmal, zu welch expressiver Bandbreite und exzellenter Geschlossenheit es fähig war. Von wunderbar tänzerisch über ziemlich frei, fast schon wild, ging es da (die
inzwischen weiß geschminkte Cellistin schaute lustvoll etwas mephistophelisch drein), es gab einen wunderbaren Wechsel zwischen Elan und Feinzeichnung – ein Genuss. Eine schwelgerische Zugabe schloss den guten
Morgen ab: Perenthaler schwebte durch die Musik, das Publikum schwebte mit.